Starkregen, Trockenheit und die Stadt von morgen
- Eda

- vor 13 Stunden
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Warum Regenwasser heute eine Ressource ist – und was das für unsere Gebäude bedeutet
Im Rahmen einer Fachtagung zum Thema „Umgang mit Regenwasser und Abwasser – Starkregen und Trockenheit“ haben wir uns intensiv mit den aktuellen Entwicklungen rund um Wasser, Klima und Stadtplanung beschäftigt. Ein Gedanke ist dabei besonders hängen geblieben: Regenwasser ist kein Abfall mehr – sondern eine Ressource.
Diese Aussage wirkt auf den ersten Blick simpel, steht jedoch für einen grundlegenden Wandel im Umgang mit Wasser – und damit auch für eine neue Herangehensweise in der Architektur.

Warum Starkregen und Trockenheit zusammengehören
Gleichzeitig wurde auf der Fachtagung deutlich, dass sich Wetterextreme zunehmend verstärken. Längere Trockenperioden wechseln sich mit intensiven Starkregenereignissen ab. Was zunächst widersprüchlich erscheint, hat eine klare Ursache: die zunehmende Überhitzung unserer Erde.
Warme Luft kann deutlich mehr Feuchtigkeit aufnehmen als kalte. Steigen die Temperaturen, verdunstet mehr Wasser – aus Böden, Gewässern und Vegetation. Diese Feuchtigkeit sammelt sich in der Atmosphäre und entlädt sich schließlich in kurzen, intensiven Niederschlägen.
Das Ergebnis sind extreme Regenereignisse in kurzer Zeit, die unsere bestehenden Systeme vor große Herausforderungen stellen.
Ein Blick zurück: Wie wir früher mit Regenwasser umgegangen sind
Über viele Jahrzehnte hinweg war der Umgang mit Regenwasser klar definiert: Wasser sollte möglichst schnell und effizient vom Gebäude weggeführt werden. Die Kanalisation galt als zentrale Lösung, um Niederschläge sicher abzuleiten.
Ein prägnantes Bild aus der Fachtagung hat diese Entwicklung anschaulich zusammengefasst – die Evolution der Regenwasserbewirtschaftung:
Vom reinen Ableiten des Wassers entwickelte sich der Umgang über erste Rückhalte- und Behandlungsansätze hin zu heutigen Strategien, bei denen Regenwasser gezielt genutzt und versickert wird. Die nächste Stufe dieser Entwicklung ist die sogenannte blau-grüne Infrastruktur, die sich im Leitbild der Schwammstadt widerspiegelt.
Dieser Wandel macht deutlich: Wir bewegen uns von einem linearen System („Wasser wegführen“) hin zu einem zirkulären System, das Wasser im Kreislauf hält.

Die Schwammstadt als Zukunftsmodell
Die Idee der Schwammstadt beschreibt eine Stadt, die Regenwasser nicht mehr als Problem betrachtet, sondern als integralen Bestandteil ihrer Struktur.
Wasser wird aufgenommen, gespeichert, verzögert abgegeben oder wieder an die Umgebung zurückgeführt. Begrünte Flächen, offene Wasserbereiche und durchlässige Oberflächen tragen dazu bei, dass Regenwasser nicht sofort in die Kanalisation gelangt, sondern im natürlichen Kreislauf bleibt.
Dieser Ansatz hat mehrere positive Effekte gleichzeitig: Er reduziert Überflutungsrisiken, entlastet die Infrastruktur und trägt zur Abkühlung aufgeheizter Städte bei. Gerade in dicht bebauten urbanen Räumen wird dieser Aspekt zunehmend wichtiger.
Wenn Systeme an ihre Grenzen stoßen
Ein zentrales Ergebnis der Fachtagung war die Erkenntnis, dass viele bestehende Entwässerungssysteme nicht für die heutigen Starkregenereignisse ausgelegt sind.
Die Folgen sind bereits heute sichtbar:Überlastete Kanalnetze, Rückstau in Gebäuden und lokale Überschwemmungen treten immer häufiger auf. Das bisherige Prinzip, Wasser möglichst schnell abzuleiten, reicht nicht mehr aus.
Zukünftig wird es entscheidend sein, Wasser dort zu behandeln, wo es entsteht – direkt am Gebäude und auf dem Grundstück.
Was bedeutet das für die Architektur?
Für die Architektur und Planung bedeutet diese Entwicklung ein klares Umdenken. Regenwasser wird zu einem festen Bestandteil der Entwurfsstrategie.
Bereits in frühen Planungsphasen sollte berücksichtigt werden, wie Wasser auf dem Grundstück geführt wird, wo es zurückgehalten werden kann und welche Flächen zur Versickerung beitragen. Gebäude und Außenräume werden dabei nicht getrennt betrachtet, sondern als zusammenhängendes System verstanden.
Begrünte Dächer, Retentionsflächen, durchlässige Beläge oder die Nutzung von Regenwasser im Alltag sind keine Sonderlösungen mehr, sondern entwickeln sich zunehmend zum Standard zukunftsfähiger Planung.
Diese Entwicklung zeigt deutlich: Regenwasserbewirtschaftung ist heute Teil ganzheitlicher Architektur.
Lernen aus der Praxis – Erfahrungen aus dem Ahrtal
Die Ereignisse im Ahrtal haben eindrücklich gezeigt, welche Auswirkungen extreme Wasserereignisse haben können. In unserer Arbeit vor Ort wurde deutlich, dass Wasser sich nicht vollständig kontrollieren lässt – aber sehr wohl beeinflusst werden kann.
Fehlende Rückhaltung, versiegelte Flächen und unzureichende Planung verstärken Schäden erheblich. Gleichzeitig zeigen viele Beispiele, dass durchdachte Maßnahmen das Risiko deutlich reduzieren können.
Gerade hier wird sichtbar, wie wichtig es ist, Wasser nicht nur als Risiko, sondern als planbare und gestaltbare Größe zu verstehen.
Umdenken beginnt im Kleinen
Die gute Nachricht ist: Viele Maßnahmen lassen sich bereits im Kleinen umsetzen. Entsiegelte Flächen, begrünte Dächer oder die Nutzung von Regenwasser im Alltag können bereits einen Unterschied machen.
Es geht nicht immer um große Systeme, sondern oft um die Summe vieler kleiner Entscheidungen, die gemeinsam Wirkung entfalten.

Architektur als Teil der Lösung
Der Umgang mit Regenwasser steht an einem Wendepunkt. Was früher als "Abfall" galt, wird heute zur zentralen Ressource unserer Planung.
Die Herausforderungen durch Starkregen und Trockenheit werden weiter zunehmen. Gleichzeitig eröffnen sie die Chance, unsere Städte und Gebäude neu zu denken.
Wenn es gelingt, Wasser bewusst in unsere Architektur zu integrieren, entstehen nicht nur robustere, sondern auch lebenswertere Räume.
Architektur kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten – indem sie mit natürlichen Kreisläufen arbeitet, statt gegen sie.


